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[Suppe für den soul] Das Kletten-Syndrom

Falls es jemand noch nicht mitbekommen hat: Irgendwie hat sich diese Kolumne mittlerweile echt zu einer "Community-Kolumne" entwickelt, in der es um für die Community mehr oder weniger relevante, bzw. sie in jedem Fall betreffende Themen geht. Nicht zuletzt bedingt durch den etwas weiter zurückliegenden Release des letzten Sets und die Tatsache, dass sich unser Metagame etwas eingefahren hat, gibt es derzeit nicht allzu viele Alternativen zu diesen Themen. Da ich sehr gerne über sie schreibe und ihr euch bisher auch nicht allzu sehr an ihnen gestört habt – liefern sie doch immer wieder fantastische Vorlagen, um sich im Feedback-Thread auszutauschen – sollte das aber auch kein größeres Problem sein.

Heute möchte ich mich mit dem Phänomen befassen, dass TCG Spieler nur in Ausnahmefällen das Sammelkartenspiel wechseln. "Warum TCG Spieler nicht das Spiel wechseln" war aber irgendwie nicht griffig genug, also habe ich dieser Erscheinung kurzerhand den Spitznamen: "Das Kletten-Syndrom" gegeben, da die meisten von "unserer Sorte" eben wie eine Klette an ihrem TCG hängen. Tatsächlich weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, ob ich das in einem oder vier Artikeln abarbeiten werde, daher schreibe ich jetzt einfach mal drauf los. [1]

Wurzelbildung

[2] Wir wollen ganz vorne einsteigen, indem wir uns mit der Frage befassen: Wie kommt jemand zu einem TCG?

Für viele, die bereits seit 5 oder noch mehr Jahren spielen, wird das schon wieder so weit zurückliegen, dass sie sich nur noch düster daran erinnern können, wie sie als Stöpsel einen ersten Fuß in einen TCG Laden gesetzt haben. Wieder andere haben erst vor kurzer Zeit angefangen und sind zufällig zum WoW TCG gekommen, doch glaubt mir, sie sind die Ausnahme. Der typische TCG Einsteiger ist zwischen 6 und 13 Jahren alt und

  • a) experimentierfreudig
  • b) riesiger Japan-Fan und damit grundsätzlich Yu-Gi-Oh!- oder Pokémon-suchtgefährdet
  • c) Außenseiter

Ihr dürft mal raten, was überwiegt. Meiner persönlichen Ansicht nach hat c) einen ganz guten Vorsprung. Ich habe bisher nur ganz, ganz wenige junge Kiddies gesehen, die zielstrebig in einen TCG Laden gehüpft sind, stolz ein Yu-Gi-Oh! Starter präsentiert haben und dann sofort losgelegt haben. Vielmehr machen die meisten von ihnen den Eindruck, sie wären zufällig da rein gestolpert und wenn gerade niemand was Besseres zu tun hat, könnte man ja vielleicht ein wenig gegeneinander spielen. Von Selbstbewusstsein, Experimentierfreudigkeit oder sonstwie positiv assoziierten Eigenschaften ist da häufig keine Spur auszumachen.

Versteht mich nicht falsch, das soll jetzt kein Rundum-Bash sein, indem ich euch allen durch die Blume sage, ihr hattet eine schreckliche Kindheit und seid so letztlich bei TCGs gelandet. [3] Jedoch sind "die Yugi Spieler" (oder allgemein jüngere TCG Spieler) eben häufig so. Wenn ihr auf ein größeres Turnier geht, seht ihr die neue Emo-Jacken-Kollektion (alle haben dunkle Töne, überwiegend eben braun und schwarz) sowie die Definition von Konsequenz, denn auch wenn es im Raum 20 Grad oder mehr hat, haben 50% aller Kiddies immer noch ihre Jacken an.

Noch einmal: Das ist nicht verwerflich (also... TCGs zu spielen. Das mit den Jacken ist grenzwertig). Es ist einfach nur ein nachvollziehbarer Schritt. Wenn ihr jung seid, noch nicht wirklich über die Möglichkeiten verfügt, euch durchzusetzen und euer Selbstvertrauen daher den ein oder anderen tiefen Knacks genommen hat, fühlt man sich in einer Gruppe von Außenseitern eben gut aufgehoben. Das sind viele jüngere TCGler für mich, zumindest eben zu Beginn ihrer Karriere. Wenn man nicht den Mut aufbringt, jemanden mit einem "Hallo" zu begrüßen, nimmt man eben mit der TCG Spieler Begrüßung: "Hast du Tauschkarten???" Vorlieb und das funktioniert ja für den Anfang auch sehr gut.

Dann bildet sich so langsam eine Community, bzw. man wird Teil dieser. Man sieht jede Woche dieselben Leute wieder und nach dem ein oder anderen guten Tauschgeschäft oder Spiel gegeneinander sagt man auch schon mal ERST "Hallo!" und DANN "Woll'n wir tauschen?" In vielen Fällen stellt sich über kurz oder lang irgendeine Form von Erfolg ein. Damit meine ich nicht, dass diese Jungs direkt die Weltmeisterschaft gewinnen, nein, vielmehr wird einer von ihnen eben der coolste Tauscher. Der andere findet viel Freude dabei, sich in Foren zu beteiligen und dort den ein oder anderen guten Post abzusenden, der ihm viel Kredit bei anderen Forenusern einbringt. Der nächste organisiert gerne die Fahrten der Gruppe zum Nachbarort, in dem bald mal wieder eine Regional oder so stattfindet, usw. Jedenfalls geht jeder früher oder später in irgendeiner Rolle auf, die er nach seinen Vorstellungen – soweit möglich – formt.

Habt ihr erstmal "euren Bereich" gefunden, in dem ihr gut, bzw. besser als andere seid, so stellt sich langsam auch das Selbstvertrauen ein. Damit gelingt es euch dann häufig auch außerhalb der TCG Community einen Freundeskreis auszubilden oder zumindest den Außenseiterstatus abzulegen. [4] Einige Spieler entsagen sich dann ihren "Wurzeln" und hören mit TCGs auf. Möglicherweise haben sie viele "coole Freunde", die ihnen erklären, dass es gänzlich uncool ist, diese Kinderspiele zu spielen, vielleicht haben sie diese intelligente und nachvollziehbare Meinung auch ganz alleine ausgebildet. [5]

Nehmen wir an, ihr bleibt weiterhin bei TCGs, da ihr das Hobby nicht aufgeben wollt (gute Entscheidung!). Egal ob unterbewusst oder nicht, in nicht wenigen Fällen hat dieses Hobby etwas extrem Positives für euch getan; ihr habt etwas für's Leben gelernt. Dann ist es schon nicht mehr unbedingt das Spiel selbst, das euch am Spielen hält, vielmehr all diese angenehmen Begleiterscheinungen; die Freunde, der Wettkampf, die Reisen, das "Turnier-Feeling", usw.

All diese Dinge ändern sich über die Jahre hinweg nicht, egal wie lange ihr dabei bleibt. Häufig findet ihr sogar noch mehr Gefallen an ihnen. Ich kenne nicht wenige Yu-Gi-Oh! Spieler, die das Spiel selbst "nur so" spielen, also nicht wirklich mit viel Spaß an der Sache. [6] Die hören trotzdem nicht auf – was man gerade jetzt, während dieser nunmehr 6 Monate andauernden "toten Phase" bemerken kann –, sie bleiben einfach weiterhin dabei. Ihr seid nicht unbedingt in ein äußerst fest gewobenes Netz getappt, vielmehr habt ihr aktiv an seiner Ausbildung mitgewirkt (ihr habt also "mitgesponnen" – tolles Wort!).

Jetzt kann sich jeder, der bis zu dieser Stelle gelesen hat, mal selbst die Frage stellen, wie wahrscheinlich es denn ist, ob so ein Spieler das Spiel (jemals) wechseln wird. Wie gesagt, das Spiel selbst ist nicht mehr der eigentliche Beweggrund weiterzuspielen. Ob ein anderes Spiel auf dem Markt "besser" [7] ist, ist daher eher nebensächlich. Wenn ich einem Magic Spieler frage: "Willst du mit dem WoW TCG anfangen?", so wird die Antwort meist "Nein!" lauten. Wenn der Magic Spieler aus einem Kaff kommt, in dem 10 seiner Freunde auch alle mit dem Gedanken spielen, das Spiel zu wechseln, stellt sich die Frage plötzlich ganz anders, bzw. sie wird meiner Ansicht nach sogar rhetorisch. Denn sie lautet dann folgendermaßen: "Willst du weiterhin eine Möglichkeit haben, ein gemeinsames Hobby mit all diesen coolen Freunden zu betreiben, die du schon ewig kennst?"

Wer würde denn hier bitte nein sagen?! Die Tatsache, dass alle denselben Einstiegspunkt und folglich dieselben Chancen haben, ist – wie Matthias sagen würde (und damit sind wir doch mal bei Englisch gelandet – nur "Icing on the cake". All diese Argumente, mit denen Spielefirmen bestehende TCG Spieler üblicherweise ködern wollen ("BRANDNEUES Spiel!", "Tolles Spieldesign!", "Super Artworks!", "Günstig!"), sind nur lächerliches Bla Bla. [8] Keines dieser Argumente interessiert mich, wenn nicht "alle mitmachen". Wenn ich es hin bekomme, eine komplette Gruppe dazu zu bringen, so ein Hobby aufzunehmen, habe ich hingegen – sofern sie sich zumindest ein wenig für das Spiel begeistern können – auf einen Schlag mehrere neue TCG Spieler "kreiert" (die dann ihrerseits noch weitere neue TCG Spieler gewinnen könnten).

Jetzt haben wir uns mit einem – dem zugegebenermaßen wichtigstem – Argument befasst, das uns vor Augen hält, warum es sehr unwahrscheinlich ist, dass viele Spieler das TCG wechseln werden. [9] Weitere werde ich dann aber wohl wirklich in einem Folgeartikel erläutern, der hier ist – nicht zuletzt dank der unendlichen Anmerkungen – wieder mal bei einer angenehmen Länge angekommen.

Wie immer freue ich mich über (positive und negative) Kritiken im Feedback-Thread, also schwingt euch an die Tastatur!

soul


[1] Man merkt wieder mal, was für konkrete Vorstellungen ich VOR dem Verfassen einer Kolumne habe... tatsächlich handelt es sich hier aber um eine Abhandlung, über die ich zur Not auch ein Buch schreiben könnte, wir müssen daher eben mal sehen, wie groß meine Schreibwut sein wird.

[2] Im Englischen würde als Überschrift "Growing Roots" stehen und das wäre wieder mal sehr viel cooler gewesen... aber nun ja, ich habe es ja nicht nötig, auf so billige Tricks zu setzen. Ich bin auch so cool genug.

[3] Also gut, ich bin ganz offen: Stefan Urban, du hattest eine schreckliche Kindheit.

NICHT!

Der Stefan ist dafür auch "viel zu spät" damit eingestiegen. Das war nur meine Erwähnung für diese Woche, damit er wieder glücklich ist.

[4] An dieser Stelle muss ich mit gleich 2 weinenden Augen an einige Berliner Yu-Gi-Oh! Spieler denken, die vor ihren "guten Freunden", die natürlich auch alle ganz besonders cool waren (was sie nicht selten zur Schau stellen, indem sie mit 15 Jahren kiffen und saufen), niemals bekanntgaben, dass sie Yu-Gi-Oh! oder ein anderes TCG spielen. Das wäre ja "uncool" und ihre "guten Freunde" würden sich dann über sie lustig machen (wie das "gute Freunde" eben so machen).

[5] Als ob! Darüber muss ich mich IMMER WIEDER wundern... ich könnte in einen spontanen Amoklauf verfallen, wenn ich so was immer höre...

  • ERSTENS: Kein guter Freund wird euch je für eure Hobbies verurteilen (außer euer Hobby besteht darin, irgendwelche Leute in euren Kellern einzusperren oder so...). Macht jemand so etwas, ist er kein guter Freund.
  • ZWEITENS: JEDER hat irgendein Hobby. Wenn euch jemand, der Briefmarken sammelt, als Nerd beschimpft, gebt ihm bitte die volle Packung Realität ins Gesicht. Leider hilft es nicht immer, diesen Leuten einen Spiegel vorzuhalten, da sie sowieso schon auf geistiger Sparflamme laufen und verzweifelt nach dem Benzin suchen, um das Flämmchen ein wenig zu entflammen, aber versuchen würde ich es trotzdem immer.

[6] Wehleidig denke ich an die letzte Session YGO Online zurück, in der ich mich WIE IMMER nur geärgert habe, wie hoch der Luckfaktor in diesem Spiel ist...

Wenn mich jemand fragen würde, warum ich das Spiel spiele... ich glaube, ich könnte ihm wirklich keine gute Antwort geben.

[7] Ich kann mal wieder auf eine bestehende Kolumne verweisen, denn dieser Frage habe ich mich schon in aller Ausführlichkeit gewidmet.

Suppe für den soul: Welches TCG ist das beste?

[8] Traurige Realität ist übrigens, dass kaum ein Marketing-Mitarbeiter bei irgendeinem Spiele-Hersteller jemals so einen Artikel lesen wird, bzw. lesen will. Man bevorzugt es üblicherweise, einfach weiterhin "an der Zielgruppe" vorbei Geld in irgendwelche Werbemaßnahmen zu werfen, weil man das in seinem Bachelor- oder Master-Studiengang genau so gelernt hat, immerhin machen es ja alle anderen "großen Firmen" auch so und daher kann das nicht so falsch sein.

Abgesehen davon hätte der Organized Play Bereich plötzlich eine Daseinsberechtigung, wenn man etwas für die Spielerbindung tun müsste und auch die Akzeptanz eines OP Bereichs als gleichwertige Abteilung fällt Leuten in anderen Bereichen der Firmen manchmal schwer.

[9] Hoffentlich leuchtet es euch jetzt auch ein, warum die zuletzt getätigten Magic-Regeländerungen keinen spürbaren Effekt hatten und nicht plötzlich 8 Millionen Magic Spieler zum WoW TCG rüber gewechselt sind.