Das war doch mal eine turbulente Woche! Nach dem Auftakt mit Schmutzige Picks Artikel von Yours Truly ging es weiter mit einer leicht bekömmlichen Mittwochssuppe von... mir, 3g0n präsentierte uns seine Ausführungen zum Todesritter und dann kam es noch zum krönenden Abschluss durch ein zweiteiliges Regel-Special von Tommi sowie einem sehr aufschlussreichen Draft-Artikel von Tyra. Wow! Hoffen wir mal, dass das diese Woche noch mal genauso abläuft, auch wenn ich mir vorstellen kann, dass kaum jemand so kurz vor der DM noch mal den Drang verspürt, einen Artikel zu schreiben. Da das übrigens auch für mich gilt und ich nicht davon ausgehe, dass ich mich schon am Sonntag Abend von meiner derben Niederlage erholt haben werde, ist es sehr gut möglich, dass ihr nicht schon am Montag wieder von mir hören werdet. Aber genug der Vorworte, die sich auf den Artikel der nächsten Woche beziehen, steigen wir ins Thema dieser, bzw. die Fortsetzung des Themas letzter Woche ein. [1]
Letzte Woche habe ich bereits einen ganz guten Cliffhanger in den Artikel eingearbeitet und behauptet, dass es sich beim Spielverständnis nicht mal um die "halbe Miete" handelt. Gut, ihr wurdet dann im Feedback-Thread mehr oder weniger von Ekop gespoilert, so dass die Würze evtl. doch ein wenig raus ist, trotzdem versuche ich das Thema gut zu Ende zu bringen.
Psychologie
Selbst wenn beide Spieler mehr als 10 Hand- und Feldkarten zur Verfügung haben, gibt es nur eine endliche Anzahl von Optionen, wie ein Zug gespielt werden kann. Ja, rechnerisch können das dann 100+ Optionen sein, doch von denen sind in den meisten Fällen lediglich rund 5 bis 10 wirklich gut und müssen in Erwägung gezogen werden. Mit einem gewissen Maß an Voraussicht [2] und Konzentration ist es möglich, das theoretische Maximum an Überblick der Feldsituation zu erreichen. Gut, wie letzte Woche gesagt, die Deckentwicklung kommt noch dazu, doch hier verhält es sich ähnlich; es gibt einfach ein gewisses Maximum in Bezug auf den Spielverständnis-Skill.
Dies gilt nicht für den psychologischen Aspekt des Spiels. Ich kann theoretisch unendlich viele "Mind Games" anwenden, um das Spiel zu eigenen Gunsten zu wenden und meine Chancen auf den Sieg zu erhöhen. Darüber hinaus kommt noch dazu, dass es sehr viel weniger Artikel gibt, die euch diese Tricks beibringen können, während es im Vergleich dazu quasi unendlich viele (mehr oder weniger gute) Artikel gibt, die euch verständlich vermitteln, wie ihr euren Spielskill erhöht. Wer also die "Stefan Urban Moves" drauf hat und seinem Gegner dazu "überreden" kann, aufzugeben, hat seinem Gegner in unendlich vielen Hinsichten etwas voraus.
Nachdem wir diese Grundlage geschaffen haben und ihr hoffentlich ganz viel Lust habt, mehr zu diesem Thema zu lesen, legen wir mal mit der Übersicht dieser Techniken los.
Kenne deine eigenen Stärken
Es ist extrem wichtig, dass ihr wisst, was ihr drauf habt und noch sehr viel wichtiger, dass ihr eine Ahnung davon habt, was ihr nicht drauf habt. Viele von uns werden in 5 Tagen an einem Turnier teilnehmen, auf dem rund 30% des Feldes mit einem Deck antreten werden, das zwar an und für sich furchtbar gut ist, doch das von 50% dieser Spieler nicht richtig verstanden wird, von 40 weiteren Prozent nur bis zu einem gewissen Grad und 10% gehen damit in den Constructed Runden 4:2 oder besser. Wenn ich also Dennis Durchschnittlich bin, so sollte ich mich nach einem Deck umschauen, bei dem der Heldenname nicht mit Anführungszeichen beginnt.
Der beste Teil am Turnierbericht von SpeedKills war meiner Ansicht nach zweifellos der kleine Seitenhieb gegen die Fizzlefreeze Spieler. Ich bin gespannt, wie viele Turnierberichte wir nach der DM lesen werden, in denen wir vom jeweiligen Spieler erfahren, dass Fizzlefreeze für ihn wohl doch die falsche Wahl war. Doch ich will jetzt mal nicht mehr näher darauf rumhacken, das haben ja andere fähige Schreiber schon mal getan.
Ach ja, es passt hier noch sehr gut rein: Spielt keine Decks, die jede Runde in die Overtime gehen, wenn ihr nicht die notwendige Konzentration mitbringt. Genauso falsch wie der Pauschal-Griff zum Fizzlefreeze ist eben die Selbstüberschätzung, sich den Varanis in die Tasche zu packen und dann nach 2 Runden komplett runter mit den Nerven zu sein. [3]
Make the Read
Ich hatte letzte Woche bereits von Übersicht gesprochen, da bezog ich mich aber eher auf die Feldsituation. Dazu kommt eben noch, dass ich wissen sollte, was der Gegner noch für Asse im Ärmel hält – sowohl psychologische als auch spielerische. Jan hat es so ausgedrückt:
Niemals blind in irgendwelche Tricks reinlaufen, die offensichtlich sind (sowohl auf dem Feld als auch außerhalb)
... und ja, das ist eben das, was ich hier auch rüber bringen will. Ein Grund, warum Lady Gagas Pokerface so ein Hit ist, ist die Tatsache, dass sich jeder von uns so was wünscht. [4] Noch ein letztes Mal für heute darf ich Jan zitieren:
"Mental skills": Die Fähigkeit den gegner zu lesen und sich selber nichts anmerken zu lassen. Die Fähigkeit zu bluffen und nicht geblufft zu werden. ...
Gebt also nicht auf der DM auf, wenn euch jemand sagt, dass ihr verloren habt! Außer es handelt sich um den Urban oder mich.
Sucht nach Herausforderungen
Ich will euch hier keinen Vortrag halten, sonst muss ich mir wieder von Tommi anhören, dass ich selbst so ein schrecklich verbissener Turnierspieler bin und ich die ganzen lieben Casuals auch noch in solche Monster verwandeln will. Doch ich möchte euch trotzdem dazu ermutigen, euch Ziele zu setzen und auf diese hinzuarbeiten. Das muss jetzt nicht das Ziel sein, 4:2 oder besser in den Constructed Runden zu gehen (so wie ich), es kann ja auch sein, dass ihr die ausgeglichene Bilanz auf der DM anstrebt.
Setzt ihr euch fortwährend höhere Ziele, so verbessert ihr euch auch relativ mühelos. Doch wie gesagt, ihr müsst euch selbst im Klaren sein, was ihr wollt und ich will euch jetzt gar keine Ideen in den Kopf setzen.
Lernt aus euren Fehlern
Roman (mr dice) hat mir erzählt, wie er zu einem besseren Spieler wurde. Er sagte, nachdem er mit 1:2 oder 1:3 aus dem Turnier gedroppt war, hat er sich immer an die vorderen Tische gestellt und den Pros auf die Finger geschaut. Dabei merkte er, was er alles in den Runden zuvor verbockt hatte und was letztlich dazu führte, dass er nicht selbst ganz vorne mitspielen konnte. Zwar gingen ihm so einige gute Tauschgeschäfte durch die Lappen, doch im Gegenzug konnte er auf zukünftigen Turnieren eben sehr viel besser abrocken.
Wenn möglich, versucht euch direkt nach dem Spiel noch mal vor Augen zu halten, wie das Spiel genau gelaufen ist. Schreibt es im besten Fall sogar auf. Selbst wenn ihr Spiele gewonnen habt, es gibt eigentlich immer etwas, was man hätte besser machen können. [5] Sorgt dafür, dass sich eure Freunde nach Beendigung ihrer eigenen Spiele an euren Tisch stellen und euch nach dem Spiel erklären, was ihr verbockt habt. Ein Außenstehender hat es eben immer einfacher, eure Plays zu bewerten und euch so für die nächsten Spiele den entscheidenden Schub zu geben.
Seid gute Verlierer!
Ich schreibe das jetzt hier so deutlich hin, damit mich jeder am Samstag anmachen kann, wenn ich nach dem Spiel ein schlechter Verlierer bin. Doch das gehört eben auch dazu. Seid nett, behaltet die Ruhe und beschimpft eure Gegner nicht. Wir sind nicht auf einem Yu-Gi-Oh! Turnier, auf dem man den Gegner pauschal als Lucker beschimpft, wenn man verloren hat, wir können das besser.
Wie gesagt, schreibt euch auf, was genau zur Niederlage geführt hat und beglückwünscht euren Gegner zu seinem Sieg. Auch wenn es schwer fällt, aber das kann man auch lernen.
Bluffs
Mein Lieblingsteil dieses Artikels. Lest diesen Artikel.
Seid vorbereitet
Kommt nicht auf den letzten Drücker zum Turnier. Habt eure Deckliste schon zu Turnierbeginn in der Hinterhand. Tauscht euch die Karten nicht erst auf dem Turnier an. Seid ausgeschlafen. Habt was im Bauch. Zieht nicht mit dem Urban in der Nacht vor dem Turnier um die Häuser. [6]
Hier kann ich nun wirklich nicht mehr weiter um den heißen Brei herum reden, man kann das nur so klar ausdrücken.
Sodele, das war es jetzt endgültig mit den Artikeln meinerseits vor der DM. Für den Rest der Woche stellen wir uns alle immer und immer wieder die Frage: "Was soll ich nur spielen?", und wenn wir besonders neugierig sind, dann vielleicht noch: "Was spielen all die Pros außer Jan Palys?" (bei letzterem ist die Wahl ja sehr klar).
Ich freue mich auf das Turnier mit euch, auf die WG, in der so einige Leute im Fat Lock sitzen werden, auf neue YouTube Videos, über die ich 2 Monate lang lachen werde, auf die Abende im Enchilada und möglicherweise anderen Leipzigern Kneipen und die Spiele. Der Teil, bei dem ich mit 0:2 droppen werde, darf mir erspart bleiben, daher kommt hier noch die neue Zusatz-Klausel: Wer Fan meiner Artikel ist und sich schon zu schade ist, ein Feedback im Thread zu verfassen, muss mir dafür den Sieg auf dem Turnier gönnen! [7]
soul
[1] Ich erspare euch mal den Hinweis, dass ich beim Playtesting schon sau viel weiter gekommen bin.
NICHT!
[2] Die meiner Hochrechnung nach 70% aller Fizzlefreeze-Spieler auf der Deutschen Meisterschaft nicht mitbringen werden.
[3] Ich werde übrigens niemals nie Varanis spielen. Ich mache ja schon die ganze Zeit die guten Andeutungen, dass ich keinen Fizzlefreeze spielen werde, leider bin ich mir da aber noch nicht ganz so sicher. Ich sage aber mit absoluter Sicherheit, dass ich keinen Varanis spielen werde, bzw. kann.
[4] OK, ja, das WAR an den Haaren herbei gezogen...
[5] Ich freue mich schon jetzt auf die "verfluchte zweite Runde" auf der Deutschen Meisterschaft, in der ich mal wieder ALLES falsch machen werde, was man falsch machen kann. Freut euch also, wenn ihr in Runde 2 gegen mich gepaart werdet, es wird ein Freilos sein!
[6] Noch besser: Kommt nicht in einer Wohnung mit mehr als 5 witzigen Spielern unter (so wie ich).
[7] Damit sollte ich mir entweder viele Freilose oder viel Feedback gesichert haben. Ich weiß gar nicht, was mir lieber ist...